Wort zum Sonntag

16. April 2022

Ein Lichtschimmer in unseren schlimmsten Erfahrungen

Von Propst Dr. Andreas Crystall

Erinnern Sie sich noch an den Aufreger genau vor einem Jahr? Da verkündigte die Bundeskanzlerin kurzfristig – und kurzzeitig – eine allgemeine „Osterruhe“. Einige empörten sich trefflich über diese Maßnahme zur Pandemiebekämpfung. Andere fanden es gut, dass Angela Merkel diese neue Erfindung gleich wieder einkassierte und sich mit menschlich-unvollkommener Geste für einen Fehler entschuldigte. Und die einen wie die anderen fieberten damals dem knappen Impfstoff hinterher - und wir alle konnten gemütlich zu Hause sitzen und bedenkenlos die Heizung auf 4 drehen. Und wer sich dann doch zum Osterausflug ins Auto setzte, bezahlte für den Liter Diesel 1,29 € und ärgerte sich über den Feiertagszuschlag. Hätten wir doch heute noch diese Probleme…

In den letzten sieben Wochen hat sich die Welt entsetzlich verdunkelt. Eigentlich waren die letzten beiden Jahre doch schon verrückt genug, und wir mussten inmitten von Lockdowns lernen, mit mancher Hilflosigkeit umzugehen. Wir haben in diesem Leben längst nicht alles im Griff, Unverfügbakeit hieß die bittere Lektion. Und jetzt erfahren wir auch noch, wie unverfügbar Frieden ist und wie schnell ein Nachbarland in Krieg, Tod und Gewalt gezerrt wird, das doch nur freiheitlich leben und seinen Bürgern Sicherheit und Zukunft geben will. Wir erleben eine Tragödie, einen brutalen Knockdown eines ganzen Volkes, ein wahnsinniges sinnloses Sterben von Kindern und Greisen und zigtausend jungen Menschen. Das Böse triumphiert. Und sollte es im Osten zu Ostern ruhiger werden, dann ist das nur die Ruhe vor dem Sturm.

Kann man sich in diesen Zeiten unbefangen „Frohe Ostern“ wünschen, nachts in der Kirche das „Halleluja“ singen und morgens fröhlich im Garten Eier suchen? Nun, Ostern ist eigentlich nie ein harmloses Fest gewesen, sondern eine Zumutung! Oft genug wurde es verniedlicht, mit Folklore gefällig gemacht. Aber die Osterbotschaft ist doch sehr rauh und sperrig, eingebettet in eine brutale Realität, sie handelt von der Überwindung von Verrat und Lüge und Missgunst und Gewalt und Tod. Im Kern geht es darum, dass die Hoffnung auf Leben stärker ist als alles Vorfindliche. Auferstehung aus einer tödlichen Wirklichkeit! Ostern ist ein Dennoch-Fest, es spricht von Hoffnung-jetzt-erst-recht, es packt einen Lichtschimmer in unsere schlimmsten Erfahrungen.

Deswegen müssen wir uns dringender als sonst „Frohe Ostern“ wünschen, trotzig, traurig, zähneknirschend, um Frieden betend, und entschieden! Täten wir es nicht, würden wir dem Bösen die Überhand geben, uns beugen und die Zuversicht rauben lassen, den Übeltätern zu viel Macht geben. Nicht klein beigeben, bewusst feiern. Muten wir uns tapfer „Frohe Ostern“ zu, denn genau diese Hoffnung braucht diese Welt.