04/10/2026 0 Kommentare
Kirchenkreis unterstützt "Dithmarscher Erklärung zum Siegburger Konsens"
Kirchenkreis unterstützt "Dithmarscher Erklärung zum Siegburger Konsens"
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Kirchenkreis unterstützt "Dithmarscher Erklärung zum Siegburger Konsens"
Die Dithmarscher Schulen haben im Heider Stadttheater die „Dithmarscher Erklärung zum Siegburger Konsens“ unterschrieben. Im Mittelpunkt steht dabei eine tolerante, freundliche und offene Gesellschaft, die die Demokratie schützt und sich gegen Extremismus engagiert.
Dithmarschens Schulrat Matthias Claussen nannte es „historisch“, dass sich alle Dithmarscher Schulen einschließlich des BBZ und der FH Westküste gemeinsam auf den Weg gemacht hätten, „um gemeinsam Partei für die Demokratie zu ergreifen“.
Dithmarschens Landrat Thorben Schütt erklärte, dass „Demokratiefeindlichkeit in Dithmarschen keinen Platz hat“ und dass es gerade dann, „wenn Werte unter Beschuss geraten, wichtig ist, gemeinsam Haltung zu zeigen“. Die „Dithmarscher Erklärung“ richte sich daher nicht nur an die Schulen, „sondern an uns alle“ – „wir brauchen Resilienz gegenüber Extremisten und solchen, die es nicht gut meinen mit unserer Demokratie“.
Unser Propst Dr. Andreas Crystall betonte in seinem Grußwort: „Wir begrüßen den Siegburger Konsens voll und ganz, wir bieten als Kirche und Diakonie in Dithmarschen volle Unterstützung.“ Zugleich lud er Schülerinnen und Schüler ein, auf unserer Demokratie-Synode im Herbst „vom Siegburger Konsens, von Euren Sorgen und Ängsten und Wünschen und Haltungen zu berichten, denn ihr seid die Zukunft und ihr sollt gehört werden und frei und in Vielfalt Euer Leben leben dürfen.“
Der vollständige Redebeitrag von Propst Dr. Crystall am Ende dieses Beitrags zu lesen.
Organisiert wurden der Vernetzung der Schulen und die Veranstaltung selbst von Dr. Volker Gaul (Foto links) und Axinia Hansjosten (4. von links, beide Lehrkräfte am Werner-Heisenberg-Gymnasium). Ebenso auf dem Foto: Propst Dr. Andreas Crystall (2. von links), Schulrat Matthias Claussen (5. von links), Landrat Thorben Schütt (6. von links) sowie die Schülervertreterinnen und -vertreter Lasse Schröder (3. von links), Eriona Abazi, Sophie Appelt und Talea Kaack.
Redebeitrag Dr. Andreas Crystall:
„Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will!“
Ich merke, dass ich mich zunehmend an diesen Satz klammere in diesen wirren Zeiten. Ich müsste mir diesen Satz vor die Brille kleben. Ihn jeden Tag aufsagen, jeden Menschen damit begrüßen oder verabschieden, statt Moin und Tschüss, vielleicht erstmal ein Jahr lang. Ich möchte mir den Satz in meine Herzhaut tätowieren, in mein nervöses Nervenzentrum implantieren, das Gefühle und Instinkte und Affekte steuert. Damit er mich bestimmt, wenn ich resignieren oder mich empören will oder irgendein Hass mein Hirn vernebelt und das Denken dumm und dumpf werden lässt. Damit ich nicht vergesse, was gut ist und zivilisiert und human.
„Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will!“
Wäre auch ein guter Satz jeden Morgen vorm Unterricht, einmal klar gesagt für alle, nicht nur für mich. Wäre vielleicht auch nicht schlecht im Lehrerzimmer, beim Sport, und ja, bei Twitter, Insta, Tiktok, und zu Hause, wenn man sich streitet, wenn wir so eng werden und so unversöhnlich.
Wäre auch ein guter Satz für unsere Welt jetzt gerade.
„Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will!“
Dieser Satz stammt von Albert Schweitzer, der war Theologe, Philosoph, Organist, Arzt, der hat den Friedensnobelpreis bekommen, 1952, weil er das Programm „Ehrfurcht vor dem Leben“ entworfen und umgesetzt hat, als Arzt im Urwald, als Botschafter für eine menschliche, humane Welt, für sowas wie Nächstenliebe praktisch und jeden Tag.
Ich bin Leben, das leben will! Leute, dieser Satz stimmt sowas von genau für mich, und für Euch hier im Saal doch wahrscheinlich auch: Ich will, nicht ich möchte vielleicht, ich will, dass mein Leben mir gelingt, dass ich das gut hinbekomme. Und dass andere davor „Ehrfurcht“ haben und es respektieren, dass ich so bin, wie ich bin, dass ich leben und lieben und denken und mich entfalten kann und genug zum Essen habe und in Freiheit und in Sicherheit bin und anständig lebe und Achtung vor mir selbst haben kann und keine Angst haben muss vor der Zukunft oder vor anderen oder vor sonstwas. Und dass ich einfach glücklich werde. Oder wollt ihr alle sowas nicht? Ich bin Leben, das leben will.
Aber ich kann und will nur leben inmitten von anderem Leben, das auch leben will. Nur ich is nich. Auch gesellschaftlich geht das nicht. Du kannst nicht nur Ehrfurcht vor deinem eigenen Leben haben und nicht vor dem von anderen. Das verdirbt den Charakter, und das ist auch brandgefährlich, denn solche Beispiele stecken an, dann verlieren irgendwann andere auch Ehrfurcht vor Dir, oder vor dem Leben von Menschen überhaupt. Das hatten wir schon mal.
Unsere Welt bietet gerade als Alternative an: „Wo ich bin, ist oben“, aber das ist ein denkbar schlechtes Lebensmotto für einen Menschen, für eine Gruppe, für eine Community, Bubble, für eine Klasse, eine Gesellschaft, für ein Land. Weil das heißt, dass andere unten sind. Ich first, andere second, wir oben, andere unten. Da steckt was Agressives, Ausgrenzendes, was Arschlöchiges, was irre Egoistisches drin, und da fehlt die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und Verantwortung für mehr als nur für mich zu übernehmen. Und so kannst Du diese Welt nicht gestalten und auch nicht lieben, und andere dich dann auch nicht. Das vergiftet. Und dann ist auch die Gefahr groß, dass andere plötzlich oben sind, und Du plötzlich unten. Das hatten wir auch schon mal. Wehe dem, der dem sog. „Volksempfinden“ plötzlich nicht entsprach… Willkür statt Werte… und was dann alles noch einfach so weg-remigriert wird, Gott bewahre.
Dieses „Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das Leben will“, das ist eine echt mühsame, aktive, empathische Haltung, das ist eine bewusste Entscheidung.
Das andere, was gerade so bei uns abgeht, die getriggerten Instinke, für die müssen wir uns nicht entscheiden, die kommen schnell ganz von selbst aus unserer dunklen Seele. Da musst Du dich nur verunsichern lassen, und Angst wird geschürt und Hass geweckt, das läuft ganz automatisch ab, auf Bestellung, klappte immer schon. Und dann bietet man Dir klassisch nach totalitärem Lehrbuch eine geschlossene und ausgrenzende Gemeinschaft als Ersatzhalt an, - wo wir sind ist oben – und es wird die Erlaubnis gegeben, völkisch-egoistisch zu sein und den Hass ohne Hemmung rauszulassen, aber das macht so unglaublich hässlich. Und dann wird das als neue Schönheit angeboten. Es macht Dich aber hässlich, Mensch, der Du leben willst als Mensch und nicht als Unmensch.
Ich möchte mein Leben weiter leben dürfen in diesem wunderbaren Land, in dieser Demokratie, ich kenne kein besseres. Und es nervt mich unendlich und strengt mich an, dass dieses reiche freie und zivilisierte sicher Land so schlecht und in den Dreck geredet wird. Das ist maximal unpatriotisch, um mal einen Begriff zu nehmen, den ich sonst nicht verwende.
Und ich möchte, dass meine drei Kinder auch in fünf oder 10 Jahren noch frei ihre Meinung sagen dürfen, dass sie sich einsetzen dürfen für Klimaschutz und für eine offene Gesellschaft, dass sie nicht in einem Milieu der ewig getriggerten Angst immer enger und beschränkter werden.
Und ich möchte, dass mein zweijähriger Enkelsohn, der jetzt erst nur Mama, Papa, Opa, Brumm, Tata, Scheiße und Akkuschrauber sagen kann, dass dieses Erdenkind in eine Schule kommt, wo Lehrerinnen und Lehrer nicht irgendwann bedroht und eingeschüchtert werden. Lehrkäfte, die ihm gefälligst freiheitliches Denken und demokratische Werte und somit Ehrfurcht vor dem Leben beibringen. Die nicht schlimme Vergangenheit und Schuld eines Landes vertuschen und verdrängen sollen, sondern daraus Lehren und Warnungen ableiten. Die vermitteln, dass er Leben ist, das leben darf inmitten von Leben, das leben darf.
Das ist für mich übrigens auch der Kern meines christlichen Glaubens. Gott liebt nicht die Deutschen, schon gar nur die, die sich selbst lieben, Gott liebt Menschen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, welcher geschlechtlicher Orientierung, ob sie glauben oder nicht, jeder Mensch hat Ehrfurcht verdient und Würde inmitten vom Menschen, die Ehrfurcht verdient haben und Würde. Wie übrigens jede und jeder hier im Saal auch.
Wir begrüßen den Siegburger Konsens voll und ganz, wir bieten als Kirche und Diakonie in Dithmarschen volle Unterstützung. Wir bemühen uns, im nächsten Frühjahr zu einem Bündnis aller demokratischen Player zusammen zu rufen, und wir machen am 28.11. hier in Heide eine Synode – Synode ist das Parlament der Kirche – zum Thema Stärkung des demokratischen Zusammenhalts. Da kommen viele Landtagsabgeordnete, Spitzenkandidaten, Fachleute, Extremismusforscher usw., und ich fände es wäre super, wenn auf der Synode Schülerinnen und Schüler dabei wären, die von diesem Ereignis hier, vom Siegburger Konsens, von Euren Sorgen und Ängsten und Wünschen und Haltungen berichten könnten, herzliche Einladung, ihr seid die Zukunft und ihr sollt gehört werden und frei und in Vielfalt Euer Leben leben dürfen. Die Zeiten sind ernst, wir müssen zusammen halten. Passt auf, was Ihr in Eure Herzhaut tätowiert - und was nicht. Vielen Dank, dass ich hier reden durfte.
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